Aggressionen ausgelöst durch SuS

Liebe Forumnutzer/innen

Meine Ausbildung habe ich kürzlich abgeschlossen und gelte somit als Berufseinsteiger.

Unter anderem gebe ich neben den Oberstufenklassen auch an einer 6. Klasse das Fach Musik. Die Klasse treibt mich immer wieder nervlich an die Grenze des erträglichen, bis bei mir im Stress manchmal Sicherungen durchbrennen und ich Dinge tue oder sage, die ich später dann bereue. Aggressionen kommen hoch und ein Gefühl der Hilflosigkeit.

Die Chemie zwischen dem Klassenlehrer der 6. Klasse und mir stimmt auch nicht. Wenn ich mit ihm spreche, dann habe ich das Gefühl, er respektiert mich nicht. Ich bin in Gedanken öfters beim Aufgeben des Berufs und kann nachts nicht oder schlecht schlafen.

Die Stellvertretung dauert noch bis zu den Sommerferien. Was sollte ich ihrer Ansicht nach tun?

Sollte ich mit dem Klassenlehrer eine Lösung suchen?
Die Schulleitung informieren? (obwohl, da habe ich Angst, negative Bewertungen zu erhalten)
Bis zu den Sommerferien ausharren?

Für Tipps oder Erfahrungsberichte bin ich sehr offen und dankbar…

Guten Tag

Ich finde es sehr gut, dass Sie diese belastende Situation zur Sprache bringen und so hoffentlich zu neuen Handlungsmöglichkeiten kommen können. Sie schildern in Ihrem Anliegen vier verschiedene Ebenen – auf allen könnten Sie aktiv werden.

Klassenlehrperson:
Sie erwähnen ganz richtig, dass die Beziehung zur Klassenlehrperson wichtig ist. Es lohnt sich, diese Beziehung in einem Gespräch zu klären. Sie haben Gedanken dazu, die Sie veri- oder falsifizieren können. Sprechen Sie Ihre Gefühle/Gedanken an. Bitten Sie um Unterstützung. Sie geben dem Kollegen die Möglichkeit auf Ihre Wünsche und Anliegen zu reagieren.

Schulleitung:
Ich verstehe Ihre Zurückhaltung. Eine professionell agierende Schulleitung wird Sie unterstützen. Das ist ihre Aufgabe. Sie kann Ihnen zu konkreter Entlastung verhelfen. Viele Schulen haben ein Konzept für die Personalführung von Berufseinsteigenden und bieten ein Mentorat an. Ein Gespräch lohnt sich auch hier.

Klasse und einzelne Schüler und Schülerinnen:
Dazu stelle ich Ihnen gerne ein paar Reflexionsfragen, die Ihre Handlungsmöglichkeiten erweitern können.
• Gibt es Momente, in denen es besser läuft? Warum wohl? Wie lassen sich solche Momente vermehren? Wie kann ich den Schülerinnen und Schülern gute Momente bewusst machen?
• Gibt es Schülerinnen und Schüler, die mitmachen? Wie kann ich positives Verhalten stärken?
• Verhalten ist nie gleich; wann stören die „Störer“ nicht? Wie kann ich dieses Verhalten stärken und nutzen?
• Weiss ich, was den Schülerinnen und Schülern gefällt? Was sie gut können? Was ihnen wichtig ist? Wie kann ich die Kinder besser kennen lernen? Wie können sie mich besser kennen lernen?
• Weiss ich (wissen die S+S), was sie brauchen, damit ein guter Unterricht möglich ist?
• Wie stehe ich zu den Inhalten des Fachs? Kann ich der Klasse meine Absichten und Motive erklären?
• Wie kann ich den Schülerinnen und Schülern mehr Verantwortung übertragen?
• Wie kann ich störende Kinder kurzfristig anders beschäftigen (betreuen lassen)?
• Warum fühle ich mich gestört? Was kann mir die Störung mitteilen? Kann ich das Verhalten umdeuten (Perspektivenwechsel)?
• Was sind meine Stärken?
• Warum funktioniert der Unterricht an den anderen Klassen? Was lässt sich übertragen? Wie kann ich den Erfolg für meine innere Ruhe nutzen?
• . . . ?

Berufseinstieg und Stellvertretung:
Es ist klar, dass eine solch fordernde Situation für Berufseinsteigende in Stellvertretungssituation doppelt bzw. dreifach anspruchsvoll ist. Vielleicht beruhigt es Sie ein bisschen zu wissen, dass ähnliche Fragen bei Berufseinsteigenden relativ häufig vorkommen und selbst bei bestandenen und erfahrenen Lehrpersonen auftreten. Es empfiehlt sich in den Fällen die Situation mit einer externen (Beratungs-)Person zu analysieren und so zu weiteren Handlungsmöglichkeiten zu kommen. Ich rate Ihnen ein solches Coaching in Anspruch zu nehmen. Sie könnten mit dem Coaching auch gleich die Gespräche mit Klassenlehrer und Schulleitung vorbereiten und trainieren und nach der Durchführung analysieren. Sie werden mit dem Coaching mehr Sicherheit gewinnen. Sie können sich beim Verantwortlichen für den Berufseinstieg melden (079 511 94 96).

Für Berufseinsteigende hält das Institut für Weiterbildung und Medienbildung verschiedene Angebote bereit.
Empfehlenswert ist der Besuch einer Praxisbegleitgruppe. Hier werden unter der Leitung einer erfahrenen Fachperson mit anderen Berufseinsteigenden anstehende Fragen geklärt. Selbstverständlich lohnt sich auch der Besuch der Planungs- und Orientierungswoche.
Im Anhang finden Sie den aktuellen Flyer der Angebote und einige Tipps von Berufseinsteigenden.

Ich schliesse mit einem Zitat von Anton Strittmatter, dem ehemaligen Leiter der päd. Arbeitsstelle LCH zur Burnoutproblematik in der Berufspraxis (Bildung Schweiz 1/2002):
„Der Beruf ist als ein prinzipiell unvollkommen gelingendes Unternehmen darzustellen – als eine Aufgabe für forschende, experimentierende, sich ständig evaluierende, sich am Gelingen freuende, ständig sich fortbildende Menschen.“

Ich hoffe in dem Sinn, dass Sie sich Schritt für Schritt experimentierend, forschend und evaluierend Ihrem Ziel nähern und sich immer wieder am Gelingenden freuen können.

Viel Erfolg wünscht
mars

Und noch ein Hinweis: Zum Thema Klassenmanagement, Disziplin, Kommunikation und Beziehung gibt es schon viele Einträge in diesem Forum. Lassen Sie sich inspirieren . . .

Vielen Dank für die Antwort und das nette aber gut zutreffende Zitat :slight_smile: