Mädchen im Physik-Unterricht

Zwei wichtige Erfahrungen möchte ich vorwegnehmen:
Vor 3 Jahren hatte ich im Physik GU 9 eine reine Mädchenklasse - da war es kein Problem, die Schülerinnen für das Fach Physik zu motivieren.
Jetzt war ich wieder in der normalen Situation, eine gemischte Knaben-Mädchen-Klasse zu unterrichten. Wieder stellten sich die Mädchen als wenig motivierte Physik-Schülerinnen in den Hintergrund und überliessen den Knaben den „Vortritt“.
Meine Frage:
Wie könnte man den Unterricht strukturieren, damit er geschlechtergetrennt durchgeführt werden könnte? Ich bin nämlich überzeugt, dass Mädchen unter sich in technischen Fächern schneller zu motivieren sind.

Guten Tag

Sie schildern ein bekanntes Phänomen, das in der Schweiz sehr ausgeprägt ist.
Tatsächlich unterscheiden sich die Vorerfahrungen von Mädchen und Jungen. Gerade in der Pubertät unterschätzen Mädchen ihre Fähigkeiten. Auch Eltern sind mit ihren Erfahrungen und Vorstellungen oft keine Hilfe, auch bezüglich offenerer Berufswahl von Mädchen.
Die Wirtschaft jedoch versucht intensiv gewisse Lehrstellen auch mit Mädchen zu besetzen, da Informatikerinnen, Technikerinnen, Laborantinnen usw. sehr gesucht sind.
Sie fragen wie die Situation, durch Strukturierung, verbessert werden kann. Da eine rigorose Trennung nach Geschlechtern kaum möglich und auch nicht nur sinnvoll ist, muss der Problemstellung breiter begegnet werden.

Auf verschiedenen Ebenen müssen wir einen Weg zu geschlechtergerechtem Unterricht finden.
Ansatzpunkte sind:
• Selbstkonzept der Schülerinnen
• Auswahl der Unterrichtsinhalte
• Lernformen und Lernklima
• Interaktionen
• Fragen, Antworten, Rückmeldungen
• Begleiten, Begutachten, Beurteilen

Ein paar Beispiele aus aktueller Literatur (Labudde, Peter (2010). Fachdidaktik Naturwissenschaften. Bern: Haupt):
• Naturwissenschaftliches Wissen so vermitteln, dass nicht der Eindruck entsteht, Naturwissenschaften seien nur etwas für Hochbegabte
• Identifikationsmöglichkeiten für Mädchen mit Vorbildern in naturwissenschaftlich-technischen Berufen, auch auf Exkursionen ermöglichen
• Unterschiedliche Vorerfahrungen berücksichtigen
• Bezüge zur Lebenswelt und zu Tagesaktualitäten schaffen
• Zuerst das qualitative Verständnis fördern, anschliessend quantitatives Verständnis erarbeiten
• Explizit Fragen und Interessen der Schülerinnen aufnehmen
• Schülerinnen gleich viel Aufmerksamkeit zukommen lassen
• Schülerinnen naturwissenschaftliche Kompetenzen zutrauen und Begabung und Leistung loben
• Individualisierende Unterrichtsformen einsetzen und dies vermehrt in geschlechtshomogenen Gruppen
• Viele Gespräche führen, d.h. Unterricht kommunikativer gestalten
• Kooperative Lernumgebungen gegenüber Konkurrenzsituationen bevorzugen
• Vermehrt offene Fragen stellen, den Lernenden viel Zeit zum Nachdenken lassen und mehrere Antworten sammeln, nachfragen, nicht sofort richtige Lösungen präsentieren

Lassen Sie sich den erfolgreichen Unterricht mit der Mädchenklasse noch einmal durch den Kopf gehen und versuchen Sie die erfolgreichsten Sequenzen akzentuiert in den aktuellen Unterricht einfliessen zu lassen.

Ich hoffe, dass viele Lehrerinnen und Lehrer, so wie Sie, aufmerksam und bewusst, dem Ziel des geschlechtergerechten Unterrichts näherkommen wollen und sich dabei mit Hinweisen und Ideen gegenseitig unterstützen.

Freundliche Grüsse

Zum Thema Physik und Mädchen ist ein lesenswerter Text in der FrauenSicht - einem periodisch erscheinenden Bulletin aus dem Gleichstellungsbereich- erschienen.

Guten Tag
Aus meiner eigenen Schulerfahrung (C-Matur, 2 Mädchen, 10 Jungen) waren wir zwei Mädchen am effizientesten, wenn wir eine eigene Gruppe bildeten.
D.h. sie organisieren Gruppenarbeiten, die geschlechtergetrennt zu lösen sind, ev. sogar in unterschiedlichen Räumen. Dann werden die Mädchen vermutlich aktiver.
In gemischten Gruppen wurstelt der Junge sich zur Lösung und das Mädchen sitzt höflich schweigend daneben und lernt nichts dabei. Dies konnte ich in den Naturwissenschaften, aber auch in Informatikkursen bei Erwachsenen regelmässig beobachten.
Freundliche Grüsse

Aus aktuellem Anlass hier ein Hinweis auf die TV-Sendung „Einstein“ vom 9. Februar 2012 auf SF:

„In technischen Berufen fehlt es seit Jahrzehnten an weiblichem Nachwuchs. Das wollen deutsche Forscher auf unkonventionelle Weise ändern. Roboter aus Lego sollen Schülerinnen den Einstieg in die Welt der Technik erleichtern. «Roberta» heisst das Programm, an dem vermehrt auch Schweizer Schulen Gefallen finden. «Einstein» zeigt ein Beispiel aus Bern Bümpliz und besucht die «Roberta»-Erfinder in Bonn.“

http://www.tvprogramm.sf.tv/details/ac394a9e-9930-417c-b447-716d1fb6185e

Und hier der Link zu den Weiterbildungen, welche die PHBern zu „Roberta - Lernen mit Robotern“ anbietet: