Reklamationen bei Prüfungsrückgabe

Liebe Kolleginnen

Ich unterrichte erst seit knapp 3 Jahren.
Heute haben einige Sus reklamiert, nachdem ich ihnen ihre Vortragsnote bekannt gegeben hatte. Ich hatte bei der Bewertung jeweils Bemerkungen geschrieben und Gründe, weshalb es nicht die volle Punktzahl gab usw. Die Bewertung ist wahrscheinlich etwas strenger ausgefallen als beim letzten Vortrag, da ich gemerkt hatte, dass ich im Vergleich zu anderen Lehrpersonen zu mild bewerte. Aber ich finde, dass meine Bewertung immer noch fair ist, da ich bei allen gleich streng war und die Abzüge jeweils begründet habe. Ich kann Diskussionen über Noten nicht ausstehen, weshalb ich Prüfungen jeweils am Ende des Unterrichtstages zurückgebe. Trotzdem lässt sich in diesem Falle ein Gespräch oder eine Klassendiskussion nicht vermeiden.

Was sind eure Erfahrungen? Gibt es Best Practices wie mit einer solchen Situation umgehen? Ich habe normalerweise eine gute Beziehung zu dieser Klasse, nur heute denke ich, dass viele sauer auf mich sind. An den Noten „rumschrauben“ möchte ich jedoch nicht, denn ansonsten verliere ich an Glaubwürdigkeit. Was ist eure Meinung? Danke für die Antworten und Beiträge.

Guten Morgen Saturn

Vielen Dank für die interessante Frage, die bei uns angekommen ist.

Weil gerade ein langes Wochenende vor der Tür steht, kann es mit unserer Antwort für einmal etwas länger dauern.

Danke fürs Verständnis. Herzliche Grüsse vom Redaktionsteam

Guten Morgen Saturn

Eine Möglichkeit - ohne Anspruch auf Best Practice - besteht darin, dass du mit Selbst-und Fremdeinschätzung arbeitest.
Du erstellst gemeinsam mit den SuS eine Kriterienliste, nach denen du/ihr einen Vortrag beurteilt. Raster 1-10.
Fortgeschrittene Form: SuS wählen individuelle Kriterien, welche für sie besonders wichtig sind. (Individualisierung)
Nach dem Vortrag werden die beiden Einschätzungen verglichen und eine vorgängig definierte Note gesetzt. Vorteil des Verfahrens: Transparenz für alle Beteiligten/Betroffenen.

Herzliche Grüsse
Jomali

Lieber Saturn

Ach, die Noten… da nehmen Sie sich Zeit und schreiben sorgfältige Kommentare und Begründungen, Anlass zu Reklamationen der SUS gibt dann die abschliessende und zusammenfassende Note.
Gerade in Beurteilungssituationen, welche umfassender sind als ein richtige oder falsches Resultate zusammen zu zählen, sind Noten anspruchsvoll.
Die Ideen von Jomali sind gute Alternativen. Zum einen in Bezug auf die Transparenz der Ziele und gemeinsam festgelegter Kriterien als auch auf das Einbeziehen der Selbsteinschätzung.
Sie schreiben, dass Sie meist eine gute Beziehung haben mit den SuS. Dazu gehört, dass sich die SuS getrauen nachzufragen und sich melden, wenn Sie Fragen zur Beurteilung haben. :slight_smile:
Nehmen Sie dies als Ausdruck von Beziehung.
Sie als LP haben sich Ihre Überlegungen gemacht, korrigiert und beurteilt. Dies teilen Sie mit, das erfordert keine Rechtfertigung. Nicht immer wird man als LP von allen SuS geliebt, manchmal sind sie sauer. Das gehört dazu und tut Ihrer Glaubwürdigkeit keinen Abbruch.

Liebe Grüsse
Niesen

Lieber Saturn

Ich melde mich so spät, weil es anfangs Probleme mit meinem Zugang zum Forum gab und ich dann anschliessend eine Woche ohne Internet war.

Beurteilen sollte man das, was vorher gelernt, geübt, erarbeitet wurde. Schülerinnen und Schüler sollen eine Einschätzung hinsichtlich ihres Lernerfolgs erhalten. Bezugspunkte sind dann, wie schon hier erwähnt, Kriterien, die sich auf die konkrete Lernsituation beziehen.
Ich mache ein Beispiel: Sagen wir mal, du arbeitest an Kompetenzen, die wichtig für Präsentationen sind. Jetzt ist es entscheidend, wie du die Lernsituation gestaltet, welche Teilaufträge du gibst, in welcher Form du die Lernenden begleitest und unterstützt.
Hier entschiedest du auch, welche Schwerpunkte du setzt, welche sprachliche Übungen du einbaust, an welchen Strategien du arbeitest,… (Recherche, thematischer Bezug, Aufbau und Struktur eines Referats, Umgang mit Materialien und Medien, Wortschatz, passende Begriffe, „Sach“wissen, Auftreten, Stimmführung, Artikulation nonverbale und paraverbale Sprache, Adressatenorientierung, Kommunikation, auf Fragen antworten können etc.) Je nach Auswahl und Vorgehen werden passende Kriterien abgeleitet, die den SuS bekannt sind und als Orientierungspunkte während der Erarbeitungsphase dienen können.
Bei der abschliessenden Bewertung können die einzelnen Kriterien operationalisiert werden (z.B. 1 Punkt = kaum erkennbar, wenig ausgeprägt / 2 Punkte = nicht konstant vorhanden, gute Ansätze / 3 Punkte = meistens vorhanden, ausgeprägt). Wenn du so arbeitest, brauchst du auch nicht jedes Mal einen ausführlichen Kommentar zu schreiben.
Noch kurz etwas zum «strengen Massstab» und zum Reklamieren der SuS:
Wenn du viele Kriterien hast (etwa 10), ist die Bewertung differenzierter und es ist einfacher Punktebereiche zu definieren, die auf ungenügende, genügende, gute und sehr gute Leistungen hinweisen. Wenn SuS Fragen haben, kann man über die spezifischen Kriterien sprechen.
Wenn du den Eindruck hast, dass andere Lehrpersonen strenger bewerten, würde ich zu einem Austausch raten (z.B. in der Fachgruppe): Wie geht man vor , wenn ein Referat thematisiert wird? Wie sehen die Teilaufträge aus? Welche Schwerpunkte werden gesetzt? Welche Kriterien wurden festgelegt? Weshalb? Worauf beziehen sich genügende Leistungen? Werden individuelle Lernfortschritte miteinbezogen?
Folgende Unterrichtsbausteine können helfen, Diskussionen rund um Noten zu entlasten: Standortbestimmungen während des Lernprozesses (formative Einschätzungen; Peer-Feedbacks; Selbsteinschätzungen) - immer auf die relevanten Kriterien bezogen / Referate aufnehmen / Selbstbeurteilung unmittelbar nach dem Referat / Lehrpersonen-Kommentar zum Endprodukt mündlich in Einzelgesprächen.
Ich hänge zwei Kriterienlisten an. Die erste kann während des Lernprozesses eingesetzt werden. Hier geht es primär um Selbsteinschätzung hinsichtlich Auftrittskompetenz. Ein mehrmaliger Einsatz würde allenfalls einen Einblick in Lernfortschritte / Entwicklungen geben. Die zweite Liste wurde bei der summativen Beurteilung eines Referats (einen Beruf präsentieren) verwendet.

Beste Grüsse!

Apostroph

Lieber Saturn,
eigentlich nur noch die eine oder andere kleine Anmerkung:
Wie viele hier schon geschrieben haben, ist die Notengebung bei mündlichen Leistungen o. ä. immer nicht ganz einfach, und ‚je transparenter, desto besser‘ ist zwar ein guter Grundsatz, wird aber selbstverständlich nicht dazu führen, dass am Ende alle zufrieden sind. Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, auf diese Schwierigkeit von selbst hinzuweisen: Ich sage den Klassen schon vorher, dass ich mir Mühe geben werde, alles so gerecht wie möglich zu beurteilen, aber dass es immer sein kann, dass man hinterher verschiedener Meinung ist. Und ich sage auch, dass die Notengebung meiner Meinung nach eine der weniger erfreulichen Aufgaben in unserem Beruf ist - und dass ich mich nicht für unfehlbar halte.
Zweitens: Auf keinen Fall solltest Du nachträglich gegen Deine Überzeugung die Bewertungen ändern. Nicht nur wegen der Glaubwürdigkeit, sondern auch im Sinne Deiner Selbstwahrnehmung. Trotz der unerfreulichen Diskussion musst Du Dir selbst weiterhin sagen können, dass Du Sorgfalt darauf verwandt hast, die S.-Leistungen angemessen zu beurteilen und dies auch zu begründen. Mehr kannst Du (und auch kein anderer) nicht von Dir selbst verlangen.
Und drittens ist es auch eine Art Selbstschutz (und auch das würde ich den S. mitteilen): Wenn Du erst einmal den Ruf hättest, dass man bei Dir nur lange genug protestieren muss, um die gewünschte gute Note zu bekommen, dann werden es erst recht viele S. versuchen. Die von Dir verständlicherweise ungeliebten Diskussionen (eigentlich ist es meist eher ein Feilschen) würdest Du dann nicht mehr los.
Und die gute Beziehung zu einer Klasse übersteht auch mal einen Tag, an dem nicht alle der gleichen Meinung sind.
Schöne Grüsse,
PeterSpäter

Lieber Saturn
Versuch einer Klärung an einem alltäglichen Unterrichtsbeispiel in einem 10. Schuljahr:
Kompetenzraster Lehrplan 21, 1. und 2. Zyklus
Zitat: SuS können im Zahlenraum bis 100 addieren, subtrahieren, verdoppeln und halbieren und beherrschen das kleine 1x1.

So lautet die Zielsetzung der Stufe d im 2. Zyklus, der die 3.-6. Klasse umfasst.
Ich arbeite seit einigen Jahren an einem 10.Schuljahr im Kanton Bern, vermittle ‚individuelle Lernförderung‘, meistens im Fach Mathematik.
Der Kompetenzraster beschreibt den Lernstand der Lernenden. Für die meisten trifft die oben zitierte Beschreibung zu. 16 – jährige Jugendliche nach neun Jahren Mathematikunterricht, die mehrere tausen Noten erhalten haben in diesem Fach, zum Teil jegliches Selbstvertrauen verloren haben.
Das kleine 1x1 bereitet Probleme. 8x6 gelingt beim dritten Anlauf. Die 3er Reihe aufwärts und zurück brauchen Zeit und Geduld.
Normal intelligente Jugendliche, welche in diesem Jahr eine Lehrstelle finden müssen. Mit Eltern, die Fr. 2000.00 bezahlen für das Jahr.
Es ist an der Zeit, die selektive Frage nach Real-und Sekundarschüler und nach Notengebung zu ersetzen, durch die Frage: wo steht der einzelne Lernende, was ist der nächste Schritt. Welche Unterstützung braucht er. Kompetenzraster zeigen die Bandbreite. Lernende können ihre Kompetenzen zuordnen.
Freundliche Grüsse
jomali