Spicken

Wie geht ihr mit Spicken um?
Meine Einstellung war: Wenn ich jemandem beim Spicken erwische, der muss sofort den Test abgeben und bekommt die Note 1.
Nun hörte ich, dass das rechtlich nicht ok sei: Spicken sei ein schlechtes Arbeits- und Lernverhalten und im Test darf nur die Sachkompetenz beurteilt werden. Folglich darf die Note 1 nicht gesetzt werden.
Falls es zu einem Rekurs käme, wäre das Verhalten von der Lehrperson nicht korrekt. Stimmt das???

Wenn ja, wie geht ihr mit SchülerInnen um, die spicken?

Ich habe die Frage unserer Expertin weitergeleitet. Sie wird ihnen in Kürze antworten.
Mit freundlichen Grüssen
Kashgar

Guten Abend Bergler
Vielen Dank für die Geduld!

Bei der Notengebung geht es ausschliesslich um die Beurteilung der Sachkompetenz einer Schüle-rin/eines Schülers. Bedient sich der Schüler/die Schülerin unerlaubter Mittel, so erlaubt seine/ihre Arbeit keinen, oder nur noch bedingt einen Rückschluss auf seine Sachkompetenz. So gesehen wird seine Arbeit für uns Lehrkräfte nicht mehr bewertbar. Verwendet ein Schüler/eine Schülerin unerlaubte Mittel (Spick, abschreiben, sprechen während dem Test, …) oder hält Vorgaben nicht ein (Arbeiten zu spät abgeben, …) so ist dies in erster Linie eine Frage des Arbeits- und Lernverhaltens und muss auch als solches geahndet werden. Allerdings sind die Übergänge da oft fliessend. Aus meiner Erfahrung weiss ich, dass in der Regel Schülerinnen und Schüler die unerlaubte Mittel verwenden, trotzdem keine guten Leistungen erbringen und sich selber betrügen, da sie sich vormachen, den Stoff begriffen zu haben und Lücken, die sie dringend aufarbeiten müssten deshalb nicht erkennen. Zudem lohnt es sich, den Schülerinnen und Schülern auf zu zeigen, dass Betrügen in Tests ein unfaires Verhalten den Klassenkameradinnen und Kameraden gegenüber ist und das Klassenklima stark belasten kann.
Was kann vorgekehrt werden, damit den Schülerinnen und Schülern das Verwenden unerlaubter Mittel erschwert wird?
• Wenn die Platzverhältnisse es zulassen, die Schülerinnen und Schüler auseinandersetzen
• Fragestellungen möglichst so wählen, dass abschreiben wenig Nutzen bringt
• Noten nicht überbewerten und den Schülerinnen und Schülern immer wieder vor Augen führen, dass nicht eigentlich die Noten das Zentrale sind, sondern das, was sie wirklich beherrschen. Oft werden heute ja bei der Selektion Eignungstests verwendet und dadurch bekommen die Zeugnisnoten auch ein geringeres Gewicht.
• Manchmal macht es Sinn, den Schülerinnen und Schülern den Gebrauch von selbstgeschrie-benen Spickzetteln zu erlauben. Zur Erstellung dieser Spcikzettel braucht es Zeit und eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema und dadurch haben sie den Stoff intensiv aufgearbeitet und brauchen in der Regel den Spickzettel gar nicht mehr. Allerdings ist es in diesem Fall wichtig, dass die Fragestellung so gewählt ist, dass das erlernte Wissen in neuen Situationen angewendet werden muss.
Was aber, wenn die Schülerinnen und Schüler trotzdem unerlaubte Mittel verwenden oder geforderte Arbeiten nicht fristgerecht abgeben?
Sicher darf es nicht sein, dass die Lehrperson dafür bestraft wird, dass sich einzelne Schülerinnen und Schüler nicht an Regeln halten und ihr dadurch enormer Mehraufwand entsteht.
Folgende Massnahmen kann ich Ihnen vorschlagen:
• Betrügen in Tests ist eine Frage der Arbeitseinstellung und muss Einfluss auf die Beurteilung des Lern- und Arbeitsverhaltens haben. Überprüfen Sie, ob die Reglemente an Ihrer Schule dies zulassen.
• Tests in denen der Schüler/die Schülerin beim Spicken erwischt wurden, würde ich nicht oder nur bedingt in die Berechnung der Abschlussnote einbeziehen. Ich persönlich nehme den Jugendlichen allerdings die Tests nicht weg, sondern schreibe auf das Testblatt den Vermerk „abgeschrieben“ oder „geschwatzt“ oder …… Die erreichte Note schreibe ich mir dann in Klammer auf und verwende sie nicht für die Zeugnisnote.
• Wenn es ohne grossen Aufwand möglich ist, lasse ich die Schülerinnen und Schüler einen solchen Test in ihrer Freizeit nachschreiben. Manchmal ist es recht gut möglich, dass diese durch eine Lehrperson betreut werden, die sowieso vor Ort ist. Dabei erstelle ich einen neuen Test, der im Schwierigkeitsgrad sicher nicht einfacher sein darf, als der ursprüngliche Test. Es darf aber nicht sein, dass ich mich als Lehrkraft mit Mehraufwand belaste und dadurch Energie für die Kernaufgabe verloren geht.
• Eine weitere Möglichkeit ist, dass Schülerinnen und Schüler, die in Tests betrogen haben am Schluss des Semesters, in ihrer Freizeit, zu einer Semesterrepetitionsprobe antreten müssen, da sie ja weniger Noten haben, als ihre Mitschülerinnen und Mitschüler.
• Betrügt ein Schüler/eine Schülerin immer wieder muss das Gespräch mit dem Schüler und den Eltern gesucht und eventuell schriftliche Abmachungen getroffen werden.
Etwas anders sieht die Situation aus, wenn Schülerinnen und Schüler Arbeiten, die sie zum Teil auch zu Hause bearbeiten müssen (Berichte, Vorträge, Abschlussarbeiten, …), ohne triftigen Grund, nicht fristgerecht abgeben oder die Vorgaben der Fragestellung nicht einhalten (Umfang, fehlende Quellenangaben, copy paste, …). Solche Punkte haben durchaus mit der Sachkompetenz zu tun und können auf die Beurteilung Auswirkungen haben.

Freundliche Grüsse

chosun
Experte

Obwohl zwei Jahre zu spät (aber ich heisse ja auch nicht ohne Grund so, wie ich heisse) möchte ich doch ein kleines Mosaiksteinchen anfügen:
Wenn man sieht, dass jemand spickt, muss man natürlich darauf reagieren. Man kann die Probe nicht einfach so werten, als hätte der/die S. es ohne unerlaubte Hilfsmittel versucht. Aber das Problem ist auch: Wie kann man als L. die Person ‚herausziehen‘ (und z. B. Teile der Probe als ungültig markieren), ohne dass dabei der ganze Rest der Klasse in seiner Konzentration gestört wird? Ich persönlich versuche zumindest, in solchen Fällen die Sache möglichst unauffällig abzuwickeln und jede Art von Dramatik („Ha! Ein Betrüger! Ertappt!“) zu vermeiden.

Ja, das ist ein heikles Thema. Eine ungestörte Arbeitsatmosphäre ist in einem Test enorm wichtig. Deshalb ist es für mich auch klar, dass während einem Test keine Fragen gestellt werden dürfen. Das heisst, dass ich extrem gut darauf achte, dass im Vorspann des Testes alle wichtigen Informationen enthalten sind und ich zu Beginn des Tests noch Fragen kläre.
Je länger ich unterrichte, desto weniger Bedeutung messe ich allerdings dem Spicken bei. Vom ersten Tag an, versuche ich konsequent den Schülerinnen und Schülern bewusst zu machen, dass letztendlich sie selber für ihren Lernerfolg verantwortlich sind, dass ich als Lehrer nur unterstützend und begleitend wirken kann und dass man ein Leben nur auf einem soliden Fundament aufbauen kann. Sich ein Leben lang nur durchzumogeln gelingt sehr schwer. Zudem versuche ich immer wieder die Bedeutung der Noten zu relativieren. Welche Rückschlüsse auf die Fähigkeiten und Fertigkeiten eines Schülers kann ein Aussenstehender aus einer Zeugnisnote 5 ziehen? Was kann der Schüler wirklich, wo hat er Mühe? Tendentiell lassen sich aus einem Gesamtnotenbild und ergänzenden Bemerkungen eher Rückschlüsse auf Lern-, Arbeits- und Sozialverhalten schliessen als auf Fachwissen. Zudem interessiert ein angehender Lehrmeister in erster Linie, ob ein Schüler / eine Schülerin die für den ausgewählten Beruf benötigten Fähigkeiten mitbringt, oder ob in der Berufsschule mit Problemen zu rechnen ist, nicht aber, ob die Note 4, 4.5 oder 5 heisst. Dies ist denn auch der Grund, dass immer mehr Ausbildungsbetriebe und Berufsverbände eigene Testserien entwickeln, um sich ein spezifisch auf den Ausbildungsberuf bezogenes Bild der Kompetenzen des Jugendlichen machen zu können.
Bei der Entwicklung eines Testes achte ich sehr genau darauf, dass man Fragen nicht einfach mit einem Wort, einer Zahl oder einem Ausdruck beantworten kann, sondern immer wieder Lösungsansätze tranparent machen und Zusammenhänge aufzeigen muss. Das erschwert das Abschreiben bereits beträchtlich. Zudem erlaube ich den Schülerinnen und Schülern in der Regel auch, ihre Reinhefteinträge oder Merkhefte zu gebrauchen, allerdings nur diejenigen Teile, die sie selber handgeschrieben haben, damit ich weiss, dass sie sich mit dem Stoff intensiv auseinander gesetzt haben. Damit wird der Spicker legal. Die Schülerinnen und Schüler wissen aber, dass das Nachschlagen in ihren Unterlagen sehr viel Zeit braucht und in der Regel wird kaum etwas nachgeschlagen.
Für mich ist klar, dass Laufbahnentscheide nicht durch Resultate, die durch betrügen verfälscht wurden, entstehen dürfen. Meine Erfahrung zeigt aber, dass Schülerinnen und Schüler, die abschreiben in der Regel trotzdem schlechte Leistungen erbringen und dadurch die Auswirkungen auf Laufbahnentscheide auch nur marginal sind.