Liebes Forum
Ich unterrichte als Teilpensenlehrer an einer 9.Sekklasse. Ein bestimmter Schüler – ich nenne ihn mal Peter - provoziert immer wieder im Unterricht mit Sprüchen, verhält sich unruhig, stört den verlauf des Unterrichts durch unaufgeforderte Äusserungen und hält sehr oft allgemeine Regeln, die wir im Klassenbetrieb beschlossen haben, nicht ein. Teilweise solidarisieren sich Mitschülerinnen und Schüler mit Peter. Ich muss diesen Schüler ständig mit Spezialaufgaben betreuen. Wiederholte Verweise aus dem Klassenzimmer, Sanktionsmassnahmen (Strafen) und Gespräche mit dem Klassenlehrer nützen nichts mehr.
Wer weiss weiter? Danke für eure Tipps!
Liebe Grüsse, Javier
Lieber Javier,
das tönt nach einem schwierigen Start ins letzte Schuljahr. Peter scheint Sie zu geniessen und reizt in seiner letzten Runde alles aus. Und er ist erfolgreich: er erhält spezielle Zuwendung und Spezialaufgaben. Die Sanktionen lassen ihn scheinbar unbeeindruckt. Das ist anstrengend.
Gut, dass Sie nach Möglichkeiten suchen, dieses Spiel zu unterbrechen.
Peter fordert viel Aufmerksamkeit von Ihnen, er scheint Sie häufig in Situationen zu bringen, wo Sie auf sein Verhalten reagieren müssen.
Eine Idee kann vielleicht sein, diese Rollenverteilung umzudrehen: Gehen Sie aktiv auf ihn zu und gestalten Sie die Beziehung. Versuchen Sie, den Unterricht nach Ausnahmen zu durchleuchten: In welchen Unterrichtssituationen zeigt er ein (andeutungsweise) anderes Verhalten? Bei welchen Themen? Wann im Tagesverlauf? U. s. w. Diese kleinen positiven Ausnahmen können Sie ihm zurückmelden. Dies können auch Anknüpfungspunkte für ein Gespräch mit ihm sein. Was interessiert ihn? Was hat er für ein Ziel? Was denkt er in diesem Jahr lernen zu wollen?
Vielleicht kommt etwas ans Licht und auf den Tisch, das ihm ermöglicht, seine Rolle zu verlassen. Wo wollen Sie ansetzen?
Liebe Grüsse
Niesen
Lieber Javier
Ich hatte schon einmal eine ähnliche Ausgangslage wie du sie schilderst. Ebenfalls im 9. SJ.
Ich kann dir aus meiner Erfahrung berichten, doch das soll keine „Patentlösung“ sein. Jeder „Fall“ ist wieder neu zu beurteilen.
Ich gelangte damals an die SL und erklärte ihr meinen gesamten Massnahmenkatalog (Ich führte 1 Mt. lang Tagebuch, wo ich sämtl. Vorfälle und Massnahmen (Sanktionen inkl. deren Nichteinhaltung) festhielt. Ebenso bat ich alle beteiligten Fachlehrkräfte mir eine kurze Rückmeldung zum Verhalten des S. ins Fächli zu legen.
Das gab ein gutes Gesamtbild über sein Verhalten und es wurde klar, dass es nicht nur „meinen“ Unterricht betraf. So setzte die SL den nächsten Schritt. Sie vereinbarte einen „Vertrag“ mit vereinbarten Regeln mit dem S. an einem Elterngespräch. Ebenso wurde darin eine Versetzung oder gar Ausschluss vereinbart. Ebenso sollte sein zukünftiger Lehrlingsausbildner über sein Verhalten informiert werden. Alle Parteien mussten ihn unterzeichnen.
Dies zeigte Wirkung. Der Rest des Schuljahres verlief mit wenigen Auf und Ab`s einigermassen zufriedenstellend.
Vielleicht ist dies ein Weg, den du dir vorstellen könntest???
Gruss TwoWay
Liebe/r Niesen, liebe/r TwoWay
Danke für eure guten und wertvollen Ratschläge! Gerne werde ich diese ausprobieren und bin gespannt, welche Erfahrungen ich mit Peter machen werde.
Mit liebem Gruss, Javier
Guten Tag
Ich habe eure Diskussion mit Interesse gelesen.
TwoWay schreib: „Ebenso sollte sein zukünftiger Lehrlingsausbildner über sein Verhalten informiert werden.“
Meine Frage: Darf man das?
Mit freundlichem Gruss
nickel
Guten Tag Nickel,
danke, dass Sie das Forum so aufmerksam lesen! Ihre Frage ist berechtigt, das ist in dieser Art nicht erlaubt. Im Beurteilungsbericht wird über Leistungen im Sachbereich informiert, sowie über das Arbeits- und Lernverhalten. Das Sozialverhalten ist nicht mehr Teil der Beurteilung. Ein Lehrmeister hat Zugang zur Beurteilung und allfälligen Zusatzberichten, z. B. wenn die Schülerinnen und Schüler mit reduzierten oder erweiterten Lernzielen gearbeitet haben. Wenn ein zukünftiger Ausbildner mehr Informationen haben möchte, ergreift er die Initiative und gelangt zuerst an die Jugendlichen und deren Eltern. Sollte er bei den Lehrpersonen nachfragen ist es wichtig, auf die Berichte hin zu weisen, mit Zusatzinformationen ist sorgfältig umzugehen. Sicher gibt es Situationen, wo Zusatzinformationen Sinn machen, gerade damit ein Übergang in die Lehre für die Jugendlichen auch gut gelingt. Dennoch ist der Weg über die SuS und die Eltern zu wählen.
Anders ist die Situation bei Jugendlichen, welche über längere Zeit Schwierigkeiten hatten und deren ganze Berufs- und Stellenfindung intensiv begleitet werden muss. Für Jugendliche, welche Zusatzunterstützung brauchen bieten die regionalen BIZ ein Casemanagement an. Diese Betreuungspersonen arbeiten eng mit den Jugendlichen, Eltern, der Schule und künftigen Lehrbetrieben zusammen. Sie begleiten/ coachen die Jugendlichen über die Schulzeit hinaus bis sie Tritt gefasst haben und selbständig unterwegs sein können. Die Schulleitungen wissen über dieses neue Angebot Bescheid. Genauere Angaben dazu finden sich auf www.erz.be.ch/takeoff.
Liebe Grüsse
Niesen
Das 9. Schuljahr ist leider als „Ausplampe-Jahr“ bekannt. Leider hat es die Schule bis jetzt nicht geschaft, mir der Wirtschaft enger zusammen zu arbeiten. So dass die Jugendlichen nicht erst in der Lehre merken wie die Uhre ticken.
Ich war sechs Jahre in der Schulkommission (Sek st I) und im Fachbereirat in einer Berufsschule (Sek st II) und kenne die Systeme und ihre Wirkung leider nur zu gut. Ich hoffe sehr auf Harmos und denke dass der neue Lehrplan doch einiges bewegen könnte. Während zehn Jahren habe ich in der Lehrlingsausbildung des grössten privaten Arbeitgebers über 1000 Lehrplätze vergeben. Und weiss ganz genau was da aus den verschiedenen Schulstufen erwartet werden kann.
Bei Peter würde ich einen Motivationsfaktor suchen, wo er sich durch gute Arbeit profilieren kann. Gleichzeitig soll es auch für Sie einen weiteren Nutzen geben. Es soll Sie auch von Aufgaben entlasten.
Ein intrinsischer Anreiz könnte z.B. der Aufbau einer Lernplattform sein…
Erster Schritt; er erhält zu einem Kursraum einen Zugang und erhält dort Kursleiter rechte. Er kann der Aufbau der Seite selber gestalten und walten. Er wird sich nicht blamieren wollen und so sehr intensiv damti arbeiten. Wenn das Grundgerüst einmal steht, dann geht es weiter.
Wo hat der Schüler seine grössten Lücken. Er darf selber entscheiden in welchem der Fächer (Sie geben diese vor) er die Seite füllen will. Mit diesem Fach soll er dann im zweiten Schritt mit der Aufarbeitung dieses Lehrstoffs beginnen. Das wie überlassen Sie dann ihm.
Sie können mit ihm dealen, welche Themenpunkte schwergewichtig in dem gewählten Fach aufgearbeitet werden sollen.
Mit Eduquanet geht das nicht wirklich gut, da Sie Berechtigungen nur bedingt weiter geben können. Ich abeite geschäftlich wie privat sehr viel mit Moodle und habe mir vor drei Wochen in Zürich von einem Kollegen eine ganz neue Moodle 2.0 aufsetzen lassen. Diese teste ich im Moment sehr intensiv. Dort stelle ich Ihrem Schüler (wenn er wirklich selber aus dem Trott steigen will) einen Kursraum zur Verfügung.
Die Plattform ist sehr einfach, so dass er zuerst einfach eimal probieren soll. Wenn von ihm gewünscht, komme ich in das Schulhaus und beantworte ihm an einem Schul-PC seine Fragen und gebe ihm ein paar gute Tipps.
Auf der Plattform würde ich ihn dann auch danach noch weiter begleiten können.
Es ist mir einfach wichtig, dass er diese „Arbeit“ auch wirklich für sich und dadurch auch für Sie und dann ganz bestimmt auch für die Mitschüler machen will.
Nun bin ich sehr gespannt ob er diesen Weg gehen will.