Ich unterrichte eine 3./4. Mehrjahrgangsklasse mit Klassenlehramt und melde mich wegen einem bestimmten Kind. Es ist ein Junge und kommt aus Afghanistan. Es ist seit 2022 in der Schweiz, seit Februar 2024 in der Deutschschweiz. Es hat 4 Geschwister und eine Mutter. Über den Vater ist nicht bekannt, ob er noch lebt oder nicht.
Das Kind hat verhältnismässig wenig Fortschritte gemacht im Deutsch. Eine 1-Minuten-Leseprobe konnte nicht erhoben werden, da es noch viele Graphem-Phonem-Korrespondenzen nicht gefestigt hat. Es stellt sich somit auch die Frage, ob der Spracherwerb gestört ist. Es spricht häufig in Worten und bildet noch keine Sätze. Dies erschwert die Kommunikation und führt zu vielen Missverständnissen. Somit ist es insbesondere in den Fächern Deutsch und NMG, die vermehrt sprachliche Fähigkeiten fordern, stark überfordert.
Das Kind ist interessiert am Fach Mathematik und arbeitet dort gerne und motiviert. Es löst die Aufgaben schnell/impulsiv, oftmals korrekt, macht aufgrund des Tempos Flüchtigkeitsfehler.
Generell fällt auf, dass es für das Kind schwierig ist, über längere Zeit an einer Aufgabe zu bleiben und mit Ausdauer an etwas zu arbeiten – selbst wenn es für eine bestimmte Aufgabe anfänglich viel Freude/Motivation zeigt. Es bricht dann das Bearbeiten der Aufgabe ab, läuft im Zimmer herum, macht etwas anderes oder sucht das Gespräch mit anderen Kindern.
Manchmal zeigt das Kind eine generelle Unruhe. Es läuft dann kreuz und quer durchs Zimmer, ruft plötzlich laut Worte oder beginnt zu singen. Dann ist es auch schnell gereizt. Die Ursache für dieses Verhalten ist nicht immer sofort ersichtlich. Es zeigt sich, dass Situationen mit vielen sozialen Interaktionen kombiniert mit starken Gefühlen (z.B. Sportunterricht mit Gewinnen/Verlieren) diese Unruhe verstärken. In solchen Momenten ist es für das Kind nicht mehr möglich, sich auf die Aufgabe einzulassen und zu lernen.
Für das Kind war es anfangs schwierig, neben Mädchen zu sitzen. Gegenüber einem spezifischen Mädchen hat das Kind ein Feindbild entwickelt. Jedes Mal, wenn das Kind in die Nähe des Mädchens kommt, zeigt es abweisendes Verhalten. Manchmal wirkt es ‘besessen’ von diesem Mädchen und hat dieses fest im Fokus. Sobald das Mädchen etwas macht (z.B. die Hand hochstrecken), macht es das Gegenteil (das Kind nimmt die Hand wieder runter). Wenn es den Fokus auf diesem Mädchen hat, ist es für ihn praktisch nicht mehr möglich, Lerninhalte aufzunehmen und Aufgaben zu lösen.
Wenn das Kind Streit hat mit dem Mädchen oder auch mit anderen Kindern, beleidigt es häufig mit Fluchwörtern oder droht. Es hat sich auch schon körperlich gewehrt. Wenn das Kind von der Lehrperson bestimmte Aufgaben machen muss oder die Lehrperson ein bestimmtes Verhalten einfordert (z.B. zu warten bis es dran ist), reagiert das Kind manchmal mit starker Abwehr. Es weigert sich dann bspw. auf einen Platz zu sitzen oder sich an einen Ort zu begeben. In solchen Momenten fühlt das Kind eine starke Wut. Diese plötzlich aufkommende, starke Wut beschäftigt ihn. Das Kind zog sich auch schon an den Haaren, biss in die Hand oder zog an den eigenen Händen, um sich wieder zu beruhigen. Wir haben bereits einige Strategien (z.B. rausgehen und joggen, tief durchatmen oder Stopp sagen) mit ihm ausprobiert, leider ohne Erfolg.
Das Kind wirkt fasziniert vom Krieg in Afghanistan. Es zeichnet Panzer oder Waffen ins Heft und läuft manchmal im Zimmer rum und formt mit den Händen eine Waffe. Anhand der Bewegungen scheint es, dass es auch kennt, wie man eine Waffe bedient.
Wir haben für das Kind bereits SOS-DaZ-Lektionen bekommen (1L pro Woche). Weiter haben wir das Setting für ihn angepasst: das Kind hat einen fixen Arbeitsplatz im Zimmer, wie auch im Kreis (nahe zur Tür). Das Kind hat auch individuelle Aufgaben in einem Kistli, die es lösen kann. In Situationen mit viel sozialen Interaktionen z.B. im Sportunterricht suchen wir nach alternativen Lösungen. Bspw. zeigt das Kind in 1 von 2 Sportlektionen afghanische Spiele mit Kleingruppen. Es besucht 2L pro Woche die Waldinsel in einer Kleingruppe.
Die Familie hat bereits vom SRK einen Familienbegleiter, der sie wöchentlich besucht.
Anhand der oben beschriebenen Situation vermuten wir, dass das Kind von traumatischen Erlebnissen betroffen ist, die im Schulalltag ‘hochkommen’. Wir möchten der Familie vorschlagen, dass es eine Traumatherapie in Anspruch nimmt. Bei der Erziehungsberatung in Biel wurde uns jedoch mitgeteilt, dass diese kein solch spezifisches Angebot hat. Welche Fachstellen gibt es, wo Kinder eine Traumatherapie machen können?
Weiter ist dieses Verhalten für uns alle herausfordernd. Wann ist man tolerant gegenüber abweichendem Verhalten und wo gibt es Grenzen, die eingefordert werden müssen? Das Kind leidet oft und kann nicht viel Lernfortschritte machen. Gerne möchte sich das Klassenteam spezifisch auf Kinder mit Traumata beraten lassen. Wo gibt es ein solches Angebot à la Supervision?