Sprachentwicklungsstörung - wer stellt "Diagnose"?

Hallo miteinander

Ich habe einen Schüler (1. Klasse), bei diesem spricht die Logopädin, und auch die KLP, von einer Sprachentwicklungsstörung. Ich frage mich, worauf sich die beiden da stützen, wer diagnostiziert eine “Sprachentwicklungsstörung”? Welche Anhaltspunkte gibt es, auf die man sich stützen kann? Ich frage, weil ich dies ja den Eltern gegenüber vertreten müsste. Der Junge ist nicht deutscher Muttersprache, und ist nun in der deutschsprachigen Schweiz eingeschult worden, sprich, er ist in der französischsprachigen Schweiz mit türkisch-sprechenden Eltern grossgeworden (die Eltern sprechen aber auch sehr gut Französisch). Sprich, der Junge ist mehrsprachig aufgewachsen. Doch bevor ich diese Mehrsprachigkeit als Defizit ansehe, möchte ich genau wissen, auf was ich bei einer vermuteten Sprachentwicklungsstörung achten muss.

Also ich frage mich: Wer würde so eine Sprachentwicklungsstörung (gemäss ICD-11) diagnostizieren? Die Logopädin weiss mir hierauf auch keine Antwort…..ich vermute, der Kinderarzt? Auffallend ist schon, dass der Junge keine korrekten, deutschen Sätze spricht (er hat davor schon 1 Jahr Kiga in der Deutschschweiz besucht) auch in der Alltagssprache nicht, die Aussprache, Wortwahl und Syntax total durcheinander - Vor- und Nachsprechen gelingt fast nicht, auch nicht bei einzelnen Wörtern….ab wann kann ich mit Sicherheit von einer SES sprechen?

Liebe Helena

Besten Dank für deine Frage, die bei uns angekommen ist.

Wir haben sie intern der zuständigen Expertin/dem zuständigen Experten weitergeleitet. Eine Antwort folgt so bald als möglich .

Herzliche Grüsse, das Moderationsteam

Liebe Helena

Eine Logopädin oder ein Logopäde mit Ausbildungsabschluss ist dafür qualifiziert, Sprachentwicklungsstörungen zu diagnostizieren – sowohl bei ein- als auch bei mehrsprachigen Kindern. Der Kinderarzt ist also nicht die dafür ausgebildete Person. Im Gegenteil, bei Verdacht auf eine Sprachenwicklungsstörung weisen Kinderärzte meist an eine Fachstelle. Im Vor- und Nachschulbereich ist dies eine logopädische Praxis oder auch die Phoniatrie des Inselspitals Bern. Im Schulbereich ist dies die Logopäd*in der Schule. Für eine Diagnosestellung muss auch nicht die Erziehungsberatung beigezogen werden. Selbstverständlich wird die Logopäd*in im Rahmen der Abklärung gegebenenfalls eine audiopädagogische/HNO-Untersuchung einleiten, damit das Hörvermögen abgeklärt wird oder andere Fachpersonen beiziehen, sofern eine allgemeine Entwicklungsverzögerung oder andere Diagnosen vermutet werden. Auch die Eltern, die DaZ-LP und KLP werden beigezogen. Dabei wird u.a. auch erhoben, wie ein Kind aktuell kommuniziert, welche Sprachen ein Kind spricht und wie viel Input in welcher Sprache erfolgt ist.

Wenn die Logopädin den Begriff Sprachentwicklungsstörung verwendet hat, gehe ich davon aus, dass sie dies auf Basis einer Abklärung tut. Andernfalls sollte klar kommuniziert werden, dass es sich um eine Vermutung handelt und weitere Diagnostik notwendig ist. Ganz grob kann man sagen, dass mehrsprachige Kinder ohne Sprachenwicklungsstörung (und Deutschkontakt erst ab Schuleintritt) nach etwa einem Jahr Kindergarten in der Lage sind, sich im Alltag auf Schweizerdeutsch zu verständigen.

Wichtig ist: Eine Sprachentwicklungsstörung zeigt sich in allen Sprachen, die ein Kind spricht. Das Nachsprechen bedeutungsfreier Silben oder Sätze kann ein Hinweis auf Schwierigkeiten in der auditiven Wahrnehmung und Differenzierungsfähigkeit sein, das mit Sprachenwicklungsstörungen assoziiert ist – dies wir jedoch immer im Gesamtkontext der Sprachentwicklung betrachtet und im Rahmen einer umfassenden Diagnostik erfasst.

Liebe Grüsse

Logopädia